Der Miri-Komplex

Clan M. / Bremen und weitere Infos zum Thema

Presse zum „Miri-Komplex“

Weser Kurier am 13.10.2011, Seite 10, „Bremen“

Prozess wird nach Wutausbruch des Angeklagten vertagt

VON ROSE GERDTS-SCHIFFLER

Bremen. Seit Dezember vergangenen Jahres sitzt die Große Strafkammer 3 über zwei Brüder der libanesisch stämmigen Familie M. zu Gericht. Das Verfahren soll unter anderem Licht in den Überfall von rund 20 Heranwachsenden und Männern auf das Lokal Phoenicia im September 2009 bringen. Ein schwieriger und nervenaufreibender Prozess –  für alle Beteiligten.

In regelmäßigen Abständen verliert der ältere der beiden Angeklagten die Fassung,  schimpft und verwünscht den Rechtsstaat. Zeugen rügen Vernehmungsmethoden und berichten von fragwürdigen Methoden seitens einiger Ermittler. Die Opfer des Überfalls, Deutsche, Türken und Araber sagen übereinstimmend aus, dass es nicht die beiden Angeklagten waren, die damals den Wirt des Lokals, dessen Sohn sowie einige Gäste geschlagen haben. Einige Polizeibeamte wiederum gehen davon aus, dass Aussagen „gekauft“ wurden.

Gestern nun war der Prozesstag zu Ende, bevor er richtig begonnen hatte. Grund: Sami M. hatte in einem neuerlichen verbalen Wutanfall seinen Rechtsanwalt entlassen. Damit war er ohne Rechtsbeistand. Nach Informationen unserer Zeitung hatte Sami M. offenbar gehofft, dass seine Untersuchungshaft nach fast zwei Jahren außer Vollzug gesetzt werden würde. Als ihm sein Anwalt informierte, dass dies nicht geschehen werde, verlor der 31-Jährige kurz vor Verhandlungsbeginn die Fassung.

Halil M. ließ den Ausbruch seines älteren Bruders ebenso stoisch und ruhig über sich ergehen, wie zunächst die Staatsanwältin und die anwesenden Justizvollzugsbeamten. „Der flippt schnell aus und beruhigt sich auch schnell wieder“, hieß es gestern am Rande des Prozesses.  Für manche Beobachter ist Sami  M. denn nicht nur ein „Hitzkopf“, sondern auch psychisch auffällig.  „Eigentlich ist diese ganze Schreierei nichts anderes als ein Hilferuf“, kommentierte denn auch sein jüngerer Bruder anschließend. Als  sich ein Zuhörer aus dem Publikum auch noch lautstark zu Wort meldete, informierte die Staatsanwältin die Kammervorsitzende im Nebenraum.

Beate Krafft-Schöning verfolgt jeden einzelnen der Prozesstage. Unter dem Schlagwort „Der Miri-Komplex“ hat die freie Journalistin einen eigenen Blog im Internet eingerichtet, in dem  sie seit dem Sommer unter anderem über den Phoenicia-Prozess berichtet. Ein Novum in Bremen. Neben ihrer teils sehr persönlichen Sicht auf den Prozess, auf die  Zeugen und Angeklagten erfahren die Leserinnen und Leser auch viele Hintergründe zu den Mhallamiye sowie die schwierige Lebensgeschichte des 31-jährigen Angeklagten. (Anmerkung: Miri-Komplex, „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“)

Dieser war als Fünfjähriger aus dem Bürgerkriegsgebiet im Libanon nach Deutschland gekommen, wo sich seine Großfamilie in einer Vier-Zimmer-Wohnung wiederfand.  Sami M. war trotz eines überdurchschnittlich hohen Intelligenzquotienten als Kind auf die Sonderschule gekommen. „Die Kinder der arabisch sprechenden Mhallamiye finden sich überproportional häufig auf Haupt- und Förderschulen wieder“, kritisiert die Journalistin. Dies sei kein Zufall. Mit ihrem Beitrag will sie unter anderem belegen, dass Kinder  dieser Gemeinschaft strukturell benachteiligt sind und  ihre Integration damit erschwert wird. „Jede deutsche Mutter wäre nach solch einem Testergebnis seitens der Schule Sturm gegen die Abschiebung auf die Sonderschule gelaufen. Seine Eltern aber waren unwissend und damit völlig überfordert“, betonte Beate Krafft-Schöning.

Der Prozess wird am Freitag, 10 Uhr fortgesetzt.

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Written by Mirikomplex (bks)

Oktober 13, 2011 um 6:37 am